Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Glaubenswachstum werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Glaubenswachstum werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 11. Oktober 2020

1 Million Klicks

für Losungsauslegungen

Artikel aus dem Gemeindebrief der evang. Kirchengemeinden Sommersdorf, Thann und Burgoberbach

Am Anfang, vor über zehn Jahren, war das unvorstellbar, dass dieses Blog einmal eine Million mal angeklickt werden würde. Aber nun wurde diese magische Zahl erreicht.

Im Juli 2010 schienen schon über 500 Seitenaufrufe ein Erfolg. Inzwischen liegen sie bei über 26.000 Klicks im Monat. Nicht zuletzt das wachsende Interesse motiviert Pfarrer i.R. Hans Löhr weiterhin für jeden Tag des Jahres die beiden Bibelworte Losung und Lehrtext aus dem Alten und Neuen Testament auszulegen. Anfänglich hatte sich noch Pfarrerin Elfriede Bezold-Löhr beteiligt, dann aber wegen zu großer Arbeitsbelastung die Mitarbeit eingestellt.

Lange Zeit konnten die Auslegungen täglich einem größeren Interessentenkreis über E-Mail zugesandt werden, bis Google den Massenversand nicht mehr zugelassen hat. Seitdem muss jeder, der daran interessiert ist, die Internetseite selbst aufrufen: glaubenswachstum.blogspot.com

Wo die Losungsauslegungen überall gelesen werden

Standorte mit den meisten Blogaufrufen (Stand 08.10.2020)

Länder

Aufrufe seit Juni 2010

Deutschland

773.014

Vereinigte Staaten

64.334

Schweiz

31.279

Österreich

21.545

Russland

17.240

Frankreich

11.677

Ukraine

4.742

Spanien

3.987

Unbekannte Region

2.610

Hongkong

2.242

Polen

1.887

Vereinigtes Königreich

1.860

Niederlande

1.724

Vereinigte Arabische Emirate

1.313

Tschechien

1.139

Italien

907

Kenia

878

Brasilien

872

Südkorea

839

Sonstige

53.130

Am meisten erstaunen die Aufrufe in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in denen nahezu alle Einwohner Muslime sind. Was sich genau dahinter verbirgt, lässt sich allerdings nicht feststellen.

 Und darum geht es in den Losungsauslegungen

Aus Rückmeldungen geht hervor, dass die Losungsauslegungen wegen ihrer Konzentration auf das Evangelium geschätzt werden. Im Mittelpunkt des „Nachdenkens über die Bibel“ steht der bedingungslos liebende und barmherzige Gott, der sich den Menschen in Jesus zeigt. Er lädt ein zu einem Glauben ohne Druck und Zwang. Seine grenzenlose Treue weckt die wichtigste, seelische Kraft im Leben eines Menschen: das Gottvertrauen.

Die täglichen Auslegungen spiegeln das Glaubensleben und die persönlichen Erfahrungen des Verfassers wieder. So kann jede Leserin und jeder Leser nachvollziehen, wie der Glaube in den verschiedensten Lebenssituationen trägt, wie er sich aber auch in Zweifel und Versagen immer wieder neu bewährt. Am Schluss jeder Auslegung steht dann noch ein kurzes Gebet.

Orientierung am Evangelium

Aus der Orientierung am Evangelium von Jesus folgt eine klare Haltung zu den Problemen dieser Welt. Hans Löhr ist „Pazifist“. Er lehnt Krieg und militärische Gewalt und somit auch Militär und Rüstung grundsätzlich ab. Er schätzt den Rechtsstaat und die soziale Gerechtigkeit in unserem Land. Ebenso bekennt er sich zum Schutz von Natur und Umwelt und demzufolge auch zu einem gewaltfreien, rücksichtsvollen Umgang mit Tieren in der Landwirtschaft, zu Hause wie in der Natur. Diese Haltung wird nicht von allen Leserinnen und Lesern der Losungsauslegungen geteilt, aber sie führt zu Diskussionen und zu weiterem Nachdenken.

Die Texte enthalten auch die eine oder andere kirchenkritische Äußerung insbesondere, was den Umgang mit Geld betrifft, die mangelnde Bereitschaft zu Innovationen und den fehlenden Mut, in der Gemeindearbeit neue, unkonventionelle Wege zu gehen. Seiner Meinung nach ist in der Kirche die Kirche selbst das wichtigste Thema und nicht die Gemeinde und die frohe Botschaft von Jesus Christus.

Im Zentrum steht der Glaube

Im Zentrum stehen aber nicht politische, gesellschaftliche oder kirchliche Probleme, sondern der Glaube und die Frage, wie er geweckt werden und wachsen kann. Auch hier ist das Evangelium von Jesus der einzige Maßstab, mit dem Bibelworte im Alten wie im Neuen Testament gewertet und ausgelegt werden. Somit sind auch die Verfasser der biblischen Schriften nicht unangreifbar, sondern müssen sich daran messen lassen, ob sie die gute Nachricht von Gottes Liebe und Barmherzigkeit uneingeschränkt weitergeben. Bibeltreue ist für Pfarrer Löhr Jesustreue und nicht ein unkritisches, wortwörtliches und moralisches Verständnis der Heiligen Schrift.

Wie es zu diesem Internet-Blog kam

Ausschlaggebend war die weltweite Untersuchung „Reveal“ der Willow-Creek-Gemeinde, was denn das Glaubenswachstum am besten ermöglicht. Noch vor Gottesdienstbesuchen, Lobpreis, Hauskreisen und aktiver Mitarbeit in einer Kirchengemeinde war und ist es das „Nachdenken über die Bibel“, also nicht nur das Bibellesen oder die tägliche Lesung von Losung und Lehrtext, sondern das Nachdenken darüber in unserer Zeit. Deswegen wollen die Losungsauslegungen motivieren, selbst über das Bibelwort nachzudenken und sie kritisch zu prüfen, inwiefern sie die Bibel verständlich und für den Glauben der Menschen heute hilfreich erschließen.

Der Verfasser ist der Ansicht, dass er vielleicht selbst am meisten von den Losungsauslegungen „profitiert“, weil er sich Tag für Tag mit ganz unterschiedlichen Bibelworten auseinandersetzen muss. Das ist auch für ihn der entscheidende Grund, weshalb er nach über zehn Jahren diese Arbeit fortführt. Sie hat, so sagt er, sein Leben bereichert und ihn die Schönheit des Glaubens immer wieder neu und anders entdecken lassen. Er wird, solange das Interesse wächst und die Kraft reicht, weiterhin täglich über die Bibelworte Losung und Lehrtext nachdenken und seine Gedanken mit anderen teilen.

N.N.

 Und hier ein Beispiel aus den inzwischen über 3400 Losungsauslegungen:

 Mut-mach-Wort

 Losung: Der HERR, der selber vor euch hergeht, der wird mit dir sein und wird die Hand nicht abtun und dich nicht verlassen. Fürchte dich nicht und erschrick nicht! 5.Mose 31,8

 LehrtextJesus spricht: Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Johannes 10,27-28

 Liebe Leserin, lieber Leser,

 heute bekommst du vom Losungswort eine kräftige Ermutigung für den Tag. Moses hat dieses Wort einst seinem Nachfolger Josua gesagt. Doch Gott ermutigt dich und mich auf verschiedene Weise heute genauso. Darum wollen wir beide uns dieses Wort gesagt sein lassen als die Botschaft, die uns ganz persönlich gilt: »Sei mutig und stark! Der HERR selbst geht vor dir her. Er steht dir bei und verlässt dich nicht. Immer hält er zu dir. Hab keine Angst und lass dich von niemandem einschüchtern!« (Losung)

     Geh mit diesem Wort in den Tag. Geh damit auf die Arbeit, zum Einkaufen oder zum Arzt. Nimm dieses Wort überall hin mit, wo du heute sein wirst. Nimm es auch mit in den Abend und in die Nacht und wieder in den nächsten Tag. Mach es dir zu eigen als ein Wort, das keine Eintagsfliege ist, sondern Bestand hat.

     Weil es ein so wichtiges Mut-mach-Wort ist, kannst du es auch auf einen Zettel schreiben, an die Innenseite deiner Schranktür kleben oder in den Geldbeutel tun. Bewahre es an einem Ort auf, wo es dich immer wieder daran erinnert: Du bist nicht allein. Gott geht mit. Hab keine Angst. Lass dich nicht einschüchtern.

     Der Lehrtext erinnert dich, dass du einen guten Hirten hast, der dich kennt und beschützt. So können diese beiden Bibelworte dein Gottvertrauen stärken und damit auch dein Selbstvertrauen und deine Zuversicht. Vergiss nicht, sie sind dir gesagt, dir ganz persönlich. Durch sie spricht Gott selbst zu dir.

 Gebet: Herr, ich brauche dringend deine Ermutigung. Damit hilfst du mir, ohne Angst zu leben und auch die schwierigen Dinge anzunehmen, die mich einschüchtern wollen. Ich bin ja nicht allein, sondern wir, du und ich, wir sind zu zweit. Amen

 Herzliche Grüße,

 Ihr / dein Hans Löhr

Dienstag, 15. Juni 2010

Change - Der Wandel hat begonnen

Amerikanische Mega-Gemeinden und ihr Einfluss auf die evangelischen Kirchen in Deutschland

Der „Wind Of Change“ kommt vom Himmel: Woche für Woche strahlen Satelliten die Gottesdienste amerikanischer Mega-Churches aus. In riesigen Hallen ziehen talentierte Prediger tausende von Gottesdienstgästen in ihren Bann und gleichzeitig Millionen vor den Bildschirmen. YouTube zeigt die Events losgelöst von Raum und Zeit auf Notebooks und SmartPhones. Mega-Gemeinden sprießen wie Pilze aus dem Boden religiöser Sehnsüchte. Traditionelle Gemeinden in den USA melden Konkurs an. Werden diese Großgemeinden auch das kirchliche Leben in Deutschland verändern? Die Frage kommt zu spät. Das ist längst der Fall, nicht nur in den Städten, sondern bereits in traditionellen Gemeinden auf dem Land.
Menschen stimmen in der Regel mit den Füßen ab: Mehrere tausend Jugendliche feiern Woche für Woche in der eher pfingstlichen Hillsong-Church in Sydney und in ihren zahlreichen internationalen Ablegern. 20.000 Gottesdienstbesucher sind es am Wochenende in der Baptistengemeinde Willow Creek in South Barrington bei Chicago. Den Rekord hält Joel Osteen mit fast 50.000 Gottesdienstgästen in seiner Lakewood-Church in Houston, Texas. Neben den Mega-Churches existieren noch zahllose Gemeinden mit hunderten von Gottesdienstbesuchern, die auch in Deutschland gegen den Trend wachsen.
----------------------------------------------------------------
Traditionelle Gottesdienste im Sinkflug
----------------------------------------------------------------
Interessant ist die Geschichte des dreiundachtzigjährigen Dr. Robert Harold Schuller und seiner Crystal Cathedral. Er war Vorbild für viele Gründer von Mega-Gemeinden weltweit. In Südkorea hat man sogar den Baustil des architektonischen Meisterwerks der Kristall-"Kathedrale" in Garden Grove bei Los Angeles kopiert. Inzwischen ist Dr. Schullers Konzept etwas aus der Mode gekommen. Die Gottesdienste werden mehr und mehr, was die traditionellen Gottesdienste in Deutschland längst sind: Seniorenangebote.
Gründungspastor Schuller war jahrzehntelang mit dem Konzept erfolgreich, die herkömmlichen Gottesdienste zu hollywoodisieren. Schließlich liegt die Traumfabrik nur wenige Meilen entfernt. Das Kirchengebäude sollte imposanter sein, die Talare opulenter, die Hazle-Wright-Orgel und der Kirchenchor mit dem Hour Of Power Sinfonieorchester gigantischer und die Botschaft emphatischer als in anderen Kirchen in den USA oder gar in Europa. Doch der Zug der Zeit ist für Hour Of Power wohl abgefahren, den weltweit meist gesehenen TV-Gottesdienst der letzten Jahrzehnte. Viele Menschen bis 60 mögen keine Kirchengebäude, Talare, Orgeln, Choräle und Kirchenchöre mehr. Das gilt auch für Deutschland. Sohn Robert Anthony Schuller hatte das gespürt. Er war bereits als Nachfolger seines Vaters inauguriert als es zum Bruch kam. Er verzichtete nicht nur auf den Talar in den Gottesdiensten, er wollte das Gesamtkonzept der Crystal Cathedral modernisieren. Doch Erzvater Robert Harold Schuller wacht über seinem Lebenswerk wie lutherische Bischöfe über ihren traditionellen Landeskirchen. Ohne rechtzeitige Innovation geht es nun auch mit der Kristall-"Kathedrale" bergab.
Nachtrag März 2012:
In ihrer Ausgabe 1/2012 meldet das Magazin "Powerful Life" von Hour Of Power Deutschland: "Am 3. Februar 2012 wurde das Verfahren über den Verkauf der Crystal Cathedral und der umliegenden Gebäude abgeschlossen. Der gesamte Campus der Crystal Cathedral geht dadurch in den Besitz der katholischen Diözese von Orange County über." Noch wird versucht, zu retten was zu retten ist und einen neuen Ort für die „Hour of Power“-Gottesdienste zu finden. Auch die internationalen Fernsehausstrahlungen sollen zunächst weitergehen. Doch mit dem bisherigen Konzept wird es für das beachtliche Lebenswerk von Dr. Robert H. Schuller wohl keine Zukunft geben. Auch unsere Landeskirchen mit ihren traditionellen Kirchengottesdiensten und ihrem volkskirchlichen Verwaltungs- und Versorgungskonzept wären längst bankrott, wenn sie nicht am Tropf der Kirchensteuer hingen.
---------------------------------------------------------------
Das Phänomen der Lakewood-Gemeinde
-----------------------------------------------------------------
Mega-Churches sind meist Familienunternehmen. Sie lösten sich sukzessive aus ihrer Ursprungsdenomination und tragen die Handschrift ihrer Gründer und deren Nachkommen. Besonders auffällig ist dies bei der Lakewood-Church in Houston, Texas. John Osteen (1921-1999), Gründungspastor, hatte sich 1958 von den Süd-Baptisten getrennt und pfingstlichen Strömungen geöffnet. Schon zu seinen Lebzeiten war die Lakewood-Gemeinde ungewöhnlich erfolgreich. So wurden seine Gottesdienste in über 100 Länder ausgestrahlt. Unter seinem Sohn Joel, geboren 1964, ist Lakewood in kurzer Zeit geradezu explodiert. Jetzt kommen Woche für Woche fast 50.000 in das ehemalige Compaq Center von Houston. Mehrere 100 Millionen verfolgen die Gottesdienste weltweit auf dem Bildschirm. Da, wo früher Sportveranstaltungen durchgeführt und Rockkonzerte gegeben wurden, singen und beten jetzt gemeinsam Menschen aller Rassen und sozialen Schichten mit unterschiedlichem religiösen Background: Protestanten und Katholiken, Buddhisten und Juden, Atheisten und Pfingstler, Evangelikale und Liberale. Meistens Angehörige der jüngeren und mittleren Generation.
Am erstaunlichsten aber ist die Person Joel Osteen selbst. Bis zum Tod des Vaters 1999 war er im Hintergrund für die Ausstrahlung der Fernsehprogramme zuständig. Dann spürte er in sich die Berufung, den Predigtdienst des Vaters fortzusetzen. Ohne jede theologische Ausbildung. Er entpuppte sich als charismatische Person und begnadeter Prediger. ABC News hat ihn 2006 zu den zehn faszinierendsten Persönlichkeiten der Vereinigten Staaten gezählt. Seine Bücher haben dort höhere Auflagen und Verkaufszahlen als die des Papstes. Die Zeitschrift Businessweek empfahl kürzlich den Managern des Landes, sich an Leuten wie ihm zu orientieren und ihre Mitarbeitenden und Kunden in erster Linie mit positiven Botschaften zu motivieren.
Das Leitmotiv seiner Predigten und Bücher lautet: Gott erniedrigt keinen. Osteen will, dass die Gläubigen innerlich wachsen, bessere Gewohnheiten annehmen und zu allem eine positive Einstellung haben. Alle können freundlicher und glücklicher werden. "Gospel light" sagen seine Kritiker. "Danke, Joel, Sie haben mein Leben positiv verändert“, sagen seine Fans. Und Osteen sagt: "Die Menschen werden die Woche über genug frustriert und gestresst. Ich will sie aufbauen und ihnen Hoffnung geben, die aus dem Glauben kommt." Sein Erfolg hängt mit seiner Ausstrahlung und seiner Professionalität zusammen. Während Bill Hybels mit seinen niederländischen Wurzeln den Europäern wohl am nächsten steht, ist Joel Osteen aus deutscher Sicht schon sehr amerikanisch.
Im Lakewood-Gottesdienst, übrigens wie auch in Willow Creek, ist alles verschwunden, was äußerlich an traditionelle Gottesdienste erinnert: Kein Kirchengebäude. Keine religiösen Symbole, nicht einmal ein Kreuz. Keine Orgel. Keine Choräle. Kein Talar. Keine Liturgie. Einziger Bezugs- und Identifikationspunkt ist die Bibel, die viele Gottesdienstbesucher mitbringen. Sie halten sie zu Beginn hoch und sagen gemeinsam. "Das ist meine Bibel. Ich bin, was sie sagt, dass ich bin. Ich habe, was sie sagt, dass ich habe. Ich kann tun, was sie sagt, dass ich tun kann ...“
Bei manchen Mega-Churches stellt der Übergang in die nächste Generation ein ernstes Problem dar. Nicht nur bei den Schullers in Los Angeles ist er misslungen. Auch Willow Creek hat mit der anstehenden Nachfolge von Bill Hybels Probleme. Ebenso ist die Nachfolge von Rick Warren in der Saddleback Church in Südkalifornien nicht geregelt. Einzig in Lakewood hat der Generationenwechsel geklappt. Ein Schwachpunkt der Mega-Gemeinden scheint zu sein, dass sie starke, charismatische Führungspersönlichkeiten brauchen, um für so viele attraktiv zu bleiben. Doch im Grunde gilt das für jede Organisation, auch für landeskirchliche Gemeinden hierzulande, die doch hauptsächlich Verwaltungseinheiten sind.
-----------------------------------------------
Gemeindebelebung weltweit
------------------------------------------------
Und Deutschland? Die Mega-Churches werden in Journalisten- und Theologenkreisen weitgehend negativ bewertet. Trotzdem hat inzwischen auch hier die Willow Creek Community Church wachsenden Einfluss auf die Entwicklung einer Vielzahl von freikirchlichen wie landeskirchlichen Gemeinden. Ihre gut besuchten Kongresse sind zu Zentren für Gemeindewachstum geworden. Im Januar 2010 nahmen in Karlsruhe über 8000 Haupt- und Ehrenamtliche aus verschiedenen Kirchen teil. Pastor Bill Hybels ist der große Star einer weltweiten Bewegung für Gemeindebelebung. Er hat inzwischen auf allen Kontinenten den wohl größten Einfluss auf die Entwicklung der pro-testantischen Christenheit.
Interessant ist die Reveal-Studie, die von Willow durchgeführt wird. In ihr geht es erstmals auch um das Glaubenswachstum des Einzelnen, was es fördert, was es behindert. Aus der Datenbasis einer Umfrage in mehreren hundert Gemeinden verschiedener Denominationen und Länder ergibt sich unter anderem, dass am Glauben Interessierte aus vier Gruppen bestehen: Die Suchenden, die Starter, die „mit Jesus leben“ und die Christuszentrierten. Letztere zeichnen sich besonders durch ihr Engagement für Notleidende aus. Aufgabe der Gemeinde ist es, den Gläubigen dabei zu unterstützen, ein Stadium zu erreichen, in dem er selbst die volle Verantwortung für seinen Glauben übernehmen kann. Weitere Erkenntnisse sind, dass die Teilnahme an Gemeindeveranstaltungen die Glaubensentwicklung nicht wesentlich fördert, sondern der persönliche Austausch über Glaubens- und Lebensfragen mit vertrauten Personen, das Gebet um Führung und Vergebung und vor allem das Nachdenken über die Bibel.
Die Schriften und DVDs aus den Mega-Churches haben bei uns stetig wachsende Auflagenzahlen. Joel Osteen, John Ortberg, Joyce Meyer, Rick Warren, Dallas Willard, Max Lucado und nicht zuletzt Bill Hybels füllen zunehmend die Bücherregale von Theologen und Laien. Ihre Ansätze und Konzepte, besonders die von Willow Creek, sind auch in landeskirchlichen Ortsgemeinden wirkungsvoll und erfolgreich. Wo ihre Impulse aufgenommen werden, sind die Kindergottesdienste wieder voll, werden erstaunlich viele 20-50jährige erreicht, die sich aus den traditionellen Gottesdiensten längst verabschiedet beziehungsweise dort nie Fuß gefasst haben. Mit EKD-Zukunftspapieren und landeskirchlichen Initiativen hat das alles nichts mehr zu tun. Die Zukunft der Kirche findet in eigeninitiativen Ortsgemeinden statt, in denen die Bibel ihre zentrale Bedeutung zurück erlangt hat. Sie sind, so Bill Hybels, "die Hoffnung der Welt". Allerdings braucht der neue Wein auch neue Schläuche - in jeder Hinsicht, auch im Hinblick auf die Selbstbestimmung und Selbstfinanzierung der Gemeinden.
-----------------------------------------------------
Ein gewagter Blick in die Zukunft
-----------------------------------------------------
Spätestens mit dem Ende der Kirchensteuer werden die deutschen Landeskirchen und ihre Strukturen verblassen. Sehr viel weniger Ortsgemeinden als jetzt werden eigenständig überleben. Sie werden die jetzt noch bestehenden territorialen, aber auch die konfessionellen Grenzen sprengen und sich in übergreifenden, losen Gemeindeverbünden organisieren. Die organisatorischen Defizite der Reformation werden nach und nach ausgeglichen. Dieser Prozess ist nicht steuerbar und wird nach eigenen Gesetzen ablaufen, in der Glaubenssprache: „Wo und wann es von Gott vorgesehen ist“. Wie es den Anschein hat, läuft auch die Zeit für die Kirchengebäude ab und mit ihr die Zeit für so manches, was in der Vergangenheit lieb und vor allem teuer war. Die traditionelle Kirchenorganisation hat ihre Zeit gehabt. An ihre Stelle treten selbstbestimmte, profilierte, professionell geleitete Ortsgemeinden mit Mitgliedern, die ihren Glauben selbst verantworten. Nicht nur wirtschaftlich und politisch, auch kirchlich kommen spannende Zeiten.

Hans Löhr, Pfarrer
Juni 2010